Kastration

14.02.15

Erst kürzlich habe ich euch davon berichtet, dass unser Hund Tony kastriert wurde. Viele sehen diesen Eingriff bei Hunden kritisch und sind sich unsicher darüber, ob dieser notwendig ist oder nicht. Aus diesem Grund möchte ich euch heute die Vor- und Nachteile einer Kastration aufzeigen. Zudem habe ich mir kritische Meinungen näher angeschaut und einen interessanten Beitrag eines Tierarztes gefunden.

Was passiert bei einer Kastration?

An dieser Stelle gehe ich nicht weiter ins Detail, sondern erläutere den chirurgischen Vorgang nur grob: Während einer Kastration entfernt ein Tierarzt die hormonproduzierenden Geschlechtsdrüsen eines Tiers unter Vollnarkose.Während bei Hündinnen die Eierstöcke entfernt werden, sind es bei Rüden die Hoden. Eine Fortpflanzung ist anschließend nicht mehr möglich. Da keine geschlechtsspezifischen Hormone mehr produziert werden, kommt es zu diversen Veränderungen im tierischen Organismus.

Kastration im Sinne des Tierschutzgesetzes

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Kastrationen vom Tierschutzgesetz verboten sind. Das wusste auch ich zuvor nicht. Vor dem Tierschutzgesetz handelt es sich bei der Kastration nämlich um eine Amputation, also eine Entnahme von Zellen bzw. Gewebe, die die Gewebefunktion stark beeinträchtigt. Und derartige Amputationen sind laut §6 Abs. 1 Tierschutzgesetz nicht erlaubt. Jetzt haben sicherlich einige von euch ein großes Fragezeichen über dem Kopf. Warum hat mein Tierarzt die Kastration dann durchgeführt ohne davon nur einen Piep zu sagen? Weil es eine Ausnahme gibt. Im Tierschutzgesetz heißt es:

„das Verbot gilt nicht, wenn:
1. Der Eingriff im Einzelfall
a. Nach tierärztlicher Indikation geboten ist…
5. zur Verhinderung der unkontrollierten Fortpflanzung oder- soweit tierärztliche Bedenken nicht entgegenstehen- zur weitere Nutzung oder Haltung des Tieres eine Unfruchtbarmachung vorgenommen wird“

Natürlich klingt das alles logisch und ich bin überzeugt, dass Kastrationen vielerorts einfach notwendig sind. Wie beispielsweise bei Straßenhunden in zahlreichen Ländern wie Rumänien, Ungarn und Co. wo sich die Tiere unkontrolliert vermehren und dadurch ein schreckliches Leben voller Hunger, Gewalt und Angst führen müssen. Zudem sind Kastrationen in einigen Fällen medizinisch sinnvoll bzw. notwendig. Aber das allgemeine Verbot sollte uns trotzdem etwas zu denken geben…

Problematik allgemeiner gesellschaftlicher Meinungen

Zunächst möchte ich kurz auf die Problematik der Kastration eingehen, betreffend der allgemeinen Meinungen zu Vor- und Nachteilen. Denn fragt man andere Hundebesitzer oder forscht im Netz nach bekommt man diverse Meinungen zum Thema. Nicht alle Vor- und Nachteile sind in Studien tatsächlich nachweisbar. Vieles hat sich über Jahrzehnte in der Gesellschaft festgesetzt, obwohl einige Fakten etwas anderes belegen. Nachfolgend habe ich nun erst einmal die Vor- und Nachteile für Hündinnen und Rüden aufgeführt, die von einer Kastration ausgehen. Weiter unten gehe ich dann aber auch auf kritische Faktoren und Meinungen ein.

Allgemeine Vorteile der Kastration

  • Verhinderung der Fortpflanzung
  • Prophylaxe von Krankheiten
  • Erleichterung der Haltung

Nachteile bei Hündinnen

  • Risiko für Harninkontinenz (Harnträufeln/Blasenschwäche), soll besonders oft bei Riesenschnauzen vorkommen
  • Risiko für Fettleibigkeit, wird der reduzierte Kalorienbedarf nach eine Kastration nicht bei der Fütterung beachtet, kann es vermehrt zur Fettleibigkeit kommen
  • Risiko zu Fellveränderungen, bei langhaarigen Rassen häufiger, z.b. Cockerspaniel und Setter
  • Schilddrüsen-Unterfunktion soll laut manchen Tierärzten hauptsächlich bei kastrierten Tieren vorkommen. Gründet allerdings auf Erfahrungen. Studien dazu sind mir persönlich nicht bekannt.
  • aufgrund der hormonellen Veränderungen ist ein Testosteron-Überhang möglich. Hündinnen können dadurch veränderte Wesenszüge aufweisen und sich „männlicher“ verhalten.

Vorteile bei Hündinnen

  • keine ungewollte Fortpflanzung
  • keine Blutungen
  • abhägnig vom Zeitpunkte der Kastration soll das Risiko für Blutkrebs verringert sein
  • Eierstock-Tumore,- Zysten und Gebärmutter-Vereiterung wird vermieden
  • Risiko für Gesäugetumore gemindert: Achtung Zeitpunkt: Hierfür muss die Kastration vor der ersten oder zweiten Läufigkeit stattfinden.
  • hormonelle Schwankungen werden stark eingedämmt, Stabilisierung der Psyche
  • Reduzierung des evtl. aggressiven Verhalten bei Scheinträchtigkeit
Hunde

Nachteile bei Rüden

  • Risiko für Harninkontinenz, weniger häufig als bei Hündinnen
  • Risiko der Fettleibigkeit, wenn die Fütterung nicht an den reduzierten Kalorienbedarf angepasst wird. Genauso wie bei Hündinnen.
  • Risiko zu Fellveränderungen, bei langhaarigen Rassen häufiger, z.b. Cockerspaniel und Setter
  • Schilddrüsen-Unterfunktion soll laut manchen Tierärzten hauptsächlich bei kastrierten Tieren vorkommen. Gründet allerdings auf Erfahrungen. Studien dazu sind mir persönlich nicht bekannt.
  • Manchmal können sich verhaltenstypische „Probleme“ nach der Kastration durch das fehlende Testosteron sogar verschlimmern. Dazu gehört auch das Jagdverhalten. Einige Rüden neigen nach der Kastration noch mehr zum Jagen, weil sie dann außer dem Jagen „nichts mehr im Sinn“ haben (Der Sexualtrieb entfällt)

Vorteile bei Rüden

  • das typische Rüdenverhalten verändert sich: Aggressionen aus sexueller Motivation heraus verringern sich, markieren lässt deutlich nach und auch das Streunern wird weniger.
  • Prophylaxe für Hoden-, Perianal- und Prostatatumore und gutartige Prostatavergrößerungen
  • weniger Stress mit männlichen Artgenossen während der Läufigkeit von Hündinnen aufgrund der Konkurrenz

Übrigens habe ich zur Fragestellung ob eine Kastration eine Lösung für Verhaltensprobleme beim Rüden löst, einen sehr interessanten Beitrag unter drc.de gefunden. Dort berichtet die verhaltenstherapeutisch arbeitende Tierärztin Dr. Christiane Quandt über die Thematik und räumt mit einigen Vorurteilen auf.

Was kostet die Kastration?

Die Operation kostet meistens zwischen 180 und 220 Euro. Der genaue Preis hängt von der Tierarztpraxis und der Größe des Hundes ab. Gebühren für eine eventuelle Übernachtung beim Tierarzt zur Beaufsichtigung des Tiers nach der OP, sowie Kontrolluntersuchungen und die Entfernung der Fäden kommen extra oben drauf. Kommt es während der OP zu Komplikationen wird es noch teurer.

Was ist das Suprelorin-Implantat?

Um einen Rüden nicht direkt zu kastrieren, sondern erst einmal zu schauen, wie das Tier auf die Veränderung reagiert, wurde das sogenannte Suprelorin-Implantat erfunden. Es ermöglicht es Rüden zeitlich begrenzt zu kastrieren. Diese „Kastration“ ist reversibel und hormonell. Der Hund wird quasi „auf Probe“ kastriert. Genau genommen handelt es sich um eine chemische Kastration. Das Implantat wird, ähnlich wie man es von den Chips zur Identifizierung der Tiere kennt, unter die Haut gesetzt. Das Implantat setzt dort einen Wirkstoff frei, der die Produktion von Botenstoffen verhindert, die für die Testosteronbildung notwendig ist. Das Niveau der Geschlechtshormone sinkt bereits nach rund zwei bis drei Wochen drastisch. Nach sechs bis acht Wochen ist der Rüde vorübergehend unfruchtbar. Das Implantat wirkt zwischen 6 und 12 Monaten. Während dieser Phase können Halter prüfen wie sich der Hund in seinem Verhalten sowie anderweitigen Bereichen verändert. Vielleicht eine gute Alternative, um die Auswirkungen der hormonellen Veränderungen im Voraus zu prüfen. Genauer werde ich hierauf in einem separaten Beitrag eingehen.

Kritik an der Kastration

Seit einiger Zeit steht die Kastration von Hunden unter starker Kritik. Grundsätzlich finde ich es gut, dass sich die Medizin auch mal selbst hinterfragt und das Wissen, das seit Jahrzehnte hartnäckig behauptet wird auch mal auf den Prüfstand muss. Besonders geprägt hat mich persönlich der Artikel von Tierarzt Dr. Ralph Rückert. Natürlich kenne ich ihn nicht, aber während meiner Recherche zum Thema Kastration bin ich auf diesen Artikel aufmerksam geworden, weil ich auch die kritische Seite zum Thema betrachten wollte. Der Artikel wurde im Oktober 2014 veröffentlicht, so dass der Inhalt auch durchaus als aktuell zu betrachten ist.

Besonders markant finde ich seine Aussage in Bezug auf Krebs: „Mit der Kastration wird einerseits das Auftreten bestimmter Tumore verhindert, andererseits aber steigt das Risiko für andere Krebsarten, und zwar wahrscheinlich so deutlich, dass das gesamte bisherige Kastrationskonzept in Frage gestellt wird.“

Weiter fasst Rückert das Ergebnis einer Studie („Risiko und Erkrankungsbeginn von Krebs und Verhaltensstörungen bei kastrierten Vizslas“) von Christine Zink zusammen, die im Februar 2014 veröffentlicht wurde und sich auf Daten von 2.505 ungarischen Vorstehhunden bezieht: „Es macht im Rahmen eines Blog-Artikels wie diesem keinen Sinn, detailliert auf Kollegin Zinks Ergebnisse einzugehen, aber alles in allem muss man feststellen, dass kastrierte Tiere beiderlei Geschlechts ein teilweise um ein Mehrfaches erhöhtes Risiko aufwiesen, an bestimmten Krebsarten (Mastzelltumore, Hämangiosarkom, Lymphosarkom) zu erkranken, und das auch noch zu einem deutlich früheren Zeitpunkt als intakte Artgenossen. Auch bestimmte Verhaltensstörungen, vor allem die Angst vor Gewittern, kamen bei kastrierten Tieren deutlich häufiger vor. Andere Studien belegen, dass das Risiko für die Entwicklung eines Osteosarkoms (Knochenkrebs) für kastrierte Hunde um das drei- bis vierfache erhöht ist.“

Diese Ergebnisse sind natürlich zurecht erschreckend und ich bin dafür, dass auch die Kastration von Hunden näher durchleuchtet und die Vor- und Nachteile hinterfragt werden müssen. Ich kann euch nur empfehlen, den Artikel von Rückert mal in Ruhe durchzulesen. Dieser erlaubt es sachlich aber fachlich sinnvoll die Kastration als solche in Frage zu stellen.

Mein Fazit

Da viele Hundebesitzer die potenzielle positive Veränderung der Psyche der Tiere als Grund für die Kastration sehen, möchte ich vorallem hierzu Stellung nehmen: Eine Kastration darf niemals stattfinden, weil sich Hundebesitzer davon eine leichtere Erziehung versprechen. Allein dieses Argument rechtfertigt die Durchführung dieser Operation nicht! Ich bin zwar nach wie vor der Meinung, dass eine Kastration insbesondere deshalb wichtig ist um die unkontrollierte Fortpflanzung von Hunden zu vermeiden, aber generell sollten sich Hundebesitzer vorher ausreichend informieren und nicht nur die Vorteile betrachten.

Lasst euch von eurem Tierarzt ausführlich beraten und hört euch auch seine Meinung dazu an. Generell ist die Kastration kein Allheilmittel gegen Verhaltensprobleme. Nicht selten kann das Verhalten sich nach einer Kastration sogar verstärken. Zudem kann man nicht sagen, dass eine Kastration grundsätzlich dabei hilft den Umgang mit Hunden zu erleichtern. In jedem Einzelfall muss genau analysiert werden, ob eine Kastration Sinn macht oder nicht. Und das können meiner Meinung nach nur Tierärzte.

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