Freundeskreis der Straßenhunde Campulung

26.05.16

Im ersten Teil des Interviews mit Tierschützerin Elke Grafmüller habt ihr bereits viel über den Förderverein Freundeskreis der Straßenhunde in Campulung e.V. erfahren. Heute geht es mit dem zweiten Teil weiter, in dem euch Elke mehr zum neuen Tierheim, über sprachliche und kulturelle Barrieren in Rumänien sowie die Kastrationen der Hunde aus Rumänien vor Ort erzählt. 

 

  1. Wie ich bei meiner Recherche erfahren habe, muss das rumänische Tierheim Asociatia Anima den Standort wechseln. Um den Tieren weiterhin eine Unterkunft bieten zu können, wird derzeit ein neues Tierheim am Stadtrand von Campulung gebaut. Kannst du meinen Lesern einen Einblick in die Hürden und Schwierigkeiten gewähren, die mit diesem Mammutprojekt anfallen? 

Ja, tragischerweise müssen wir den jetzigen Standort verlassen, da die zwei Eigentümer des jetzigen Grundstückes gewinnbringend verkaufen wollen, da es sich um erschlossenes Industriegebiet der Stadt Campulung handelt.

Eine große Hürde ist die Mentalität und die Sprachbarriere. Doch wir haben Glück im Unglück, denn die Stadt Campulung hat uns netterweise ein neues Grundstück, ausserhalb gelegen, kostenlos für 49 Jahre zur Verfügung gestellt. Doch bauen müssen wir selbst. Wir müssen uns an alle gesetzlichen Vorschriften halten: Bauamt, Veterinäramt, Umweltamt, Gesundheitsamt, Feuerschutz, Hygiene usw. usw., es ist der Wahnsinn!!!

Wenn wir uns daran nicht halten, besteht die Gefahr, dass unser neues Tierheim nicht autorisiert und genehmigt wird und dann könnte uns theoretisch das rumänische Veterinäramt die Hunde wegnehmen und in eine Tötungsstation bringen. Dieses Risiko gehen wir keinesfalls ein und beugen uns so den Gesetzen, was uns aber in große finanzielle Not bringt. Denn solch ein top durchdachtes Tierheim kostet Geld…

  1. Was wird das neue Tierheim kosten und welche Summe wird noch benötigt, um alles wie erhofft, fertigstellen zu können?

Oh je, schwierige Frage… wir haben 15.000 m2 zur Verfügung, wir haben jetzt mal mit 7.000 m2 davon begonnen, hierauf können wir unsere vorhandenen knapp 1.000 Hunde auf jeden Fall mal sicher unterbringen. Wir bauen Stück für Stück, eins nach dem Anderen, es hat sich gezeigt, dass es keinen Sinn macht, von einer Gesamt-Endsumme zu sprechen, da das nur Spekulationen sind und meist dann doch immer nochmal was dazu kommt… bis jetzt haben wir die Terrassierung, die Komprimierung und die Steineverteilung von 7.000 m2 abgeschlossen, das haben wir schon bezahlt (ca. 38.000 €), der massive Aussenzaun inkl.

Betonfundament ist derzeit in Arbeit, dieser allein wird uns weitere 20.000 € kosten und danach kommt der grösste Batzen, die Betonierung der Zwingerflächen, hier werden wir bei ungefähr 100.000 – 150.000 € liegen, doch die hierfür benötigten Angebote liegen noch nicht vor, da nochmal geringgradige Änderungen am Plan vorgenommen wurden bei meinem vergangenen Besuch vor Ort im April 2016. Und dann kommen noch die Zwinger, Hütten und Dächer hinzu. Wohncontainer, Lagercontainer und Medizincontainer werden auch noch zusätzlich benötigt, also viele viele Kosten kommen hier auf uns zu bzw. wir sind schon mittendrin.

Tierheim
  1. In unserem ersten Gespräch hast du mir erzählt, dass du aufgrund deiner Position als 1. Vorsitzende des Vereins „Freundeskreis der Straßenhunde in Campulung – Hilfe für Tiere in Rumänien“ häufig mit den örtlichen Behörden in Rumänien zu tun hast. Wie überwindest du die sprachlichen und kulturellen Barrieren? 

Nach 14 Jahren Rumänien-Erfahrung habe ich mich an die kulturellen Barrieren „gewöhnt“ bzw. habe sie akzeptieren und interpretieren gelernt, zumindest teilweise… in Fettnäpfchen trete ich immer seltener… und kann durch meine offene und fröhliche Art viel wieder wett machen, was ich vielleicht andernfalls schon verloren hätte… Ich denke, „man“ verzeiht mir auch vieles, da ich 1. Weiblich bin und 2. Einfach fröhlich und herzlich auf die Menschen zugehe und versuche meine optimistische Einstellung weiterzugeben.

Es gibt trotzdem in der Tat viele Situationen, in denen wir Deutschen eigentlich sehr gerne explodieren würden, doch hier wende ich einfach meine rumänischen Lieblingswörter an „timp si rabdare“ was Zeit und Geduld heißt…das führt zu allgemeinem Gelächter und rettet die ein oder andere schwierige Situation. Auch musste ich mich damit abfinden, dass das Thema Hund für viele Rumänen einfach nicht wichtig ist und ich nicht davon ausgehen darf, dass meine Anliegen von massiver Wichtigkeit erscheinen…

Doch wie gesagt, durch meine Hartnäckigkeit und positive Art kommen wir doch immer wieder gut voran und werden regelmäßig auch von den „Obrigkeiten“ mit Freuden (hoffentlich) empfangen. Auch haben sie mittlerweile erkannt, dass unsere Hilfe stetig, verlässlich und erfolgreich ist, AUCH FÜR DIE STADT und alle Anwohner.

Ich selbst lerne fleißig Rumänisch (gehe 1 x pro Woche in privaten Unterricht), doch leider bin ich nicht sehr erfolgreich, da es eine schwere Sprache ist und ich nicht gerade ein Naturtalent…

Zu Behördengängen oder Verhandlungen nehme ich grundsätzlich meine Übersetzerin mit, sie heißt Frau Popescu, lebt in einem Dorf nahe Campulung und ist für mich bzw. unsere Vereinsarbeit Gold wert, denn sie spricht fliessend deutsch, klärt mich immer zuverlässig über alle Eventualitäten und Mentalitätsunterschiede auf und hat auch schon die ein oder andere Situation in die „richtige“ Richtung lenken können. Sie ist ein wunderbarer, sehr liebevoller, korrekter und intelligenter Mensch, wovon wir tatsächlich sehr profitieren und sehr dankbar hierüber sind.

Die normalen, täglichen Aktivitäten bekommen wir im Tierheim sehr gut mit Englisch über die Bühne, zwei der Mitarbeiter sprechen Englisch und die zwei Tierärzte der Tierarztpraxis in Campulung, die wir fast täglich aufsuchen, sprechen auch Englisch. Glück gehabt…

  1. Du leistet mit deinem Verein in Kooperation mit dem rumänischen Tierheim in Campulung wertvolle Aufklärungsarbeit vor Ort und beteiligst dich aktiv an der Kastration der Tiere, um die Situation langfristig zu verbessern und die Population der Straßenhunde zu reduzieren. Bitte schildere meinen Lesern, wie sie sich eure Arbeit in Sachen Kastration und Aufklärung vorstellen können. Wie sieht beispielsweise eine Kastrationsaktion in Rumänien aus? Wie organisiert ihr Tierärzte und wer kümmert sich um das Einfangen herrenloser Hunde?

Wir haben seit Oktober 2013 eine laufende, immerwährende Kastrationsaktion in Campulung und Umgebung. Hier dürfen ALLE Menschen, die sich privat einen Hund halten, ihre Hunde bringen, und diesen auf unsere Kosten bei unserem örtlichen Tierarzt Dr. Zidaru kastrieren lassen. Wir machen hierfür mit Hilfe von Plakaten Werbung, diese Plakate werden an allen öffentlichen Plätzen ausgehängt, aber den meisten Erfolg haben wir durch persönliche Aufklärung durch den Tierarzt und durch unseren Aussendienstmitarbeiter Dorin, der immer mit dem Auto unterwegs ist, verletzte und ausgesetzte Hunde birgt, Strassenhunde einfängt und zum Kastrieren fährt, Reklamationen der Stadt bearbeitet  usw.

Auch erzählen sich die Hundebesitzer untereinander den Erfolg des Kastrierens weiter (keine Welpen mehr, die man füttern muss und dann doch aussetzen muss, weil man keine Verwendung hat, die Hündin ist gesünder, frisst nicht mehr soviel, haut nicht mehr vom Grundstück ab, wenn sie läufig ist usw. usw.)

Unser Mitarbeiter Dorin holt auch Hunde zum Kastrieren ab und fährt sie danach wieder zu ihren Besitzern zurück, sog. Kastrations-Shuttle-Service, da viele Leute auch kein Auto haben bzw. ihren eigenen Hund nicht anfassen können oder wollen..

Um das Einfangen herrenloser, verletzter oder unkastrierter Tiere kümmert sich unser Aussendienstmitarbeiter Dorin, er hat die „Lizenz zum Schiessen“, er kann/darf die Hunde mit dem Betäubungspfeil ruhigstellen und dann bergen/einfangen, denn viele bzw. die meisten frei laufenden Hunde, lassen sich nicht einfach so einfangen, zu viele schlechte Erfahrungen mit Menschen…, wenn sie dann eine Weile im Tierheim sind, werden sie plötzlich ganz zutraulich, weil sie gemerkt haben, dass alle lieb und fürsorglich zu ihnen sind.

Mehr zum Thema Hunde aus Rumänien

Noch mehr spannende Hintergrundinformationen zu Elkes Verein „Freundeskreis der Straßenhunde in Campulung e.V.“ und dem Thema Hunde aus Rumänien gibt´s dann nächste Woche im dritten Teil!

Ihr habt den ersten Teil verpasst? Dann aber schnell ; ) Hier geht´s zu Teil 1 des Interviews und den anderen Artikeln:

Vereinsvorstellung „Freundeskreis der Straßenhunde in Campulung“ – Interview Teil 1

Vereinsvorstellung „Freundeskreis der Straßenhunde in Campulung“ – Interview Teil 3

Vereinsvorstellung „Freundeskreis der Straßenhunde in Campulung“ – Interview Teil 4

Direkt zum Verein geht´s hier lang!

Weitere interessante Beiträge zum Thema Tierschutz findet ihr hier.

 

 

Elke GrafmüllerProfil Elke Grafmüller

Elke Grafmüller ist gelernte Tiermedizinische Fachangestellte und arbeitet derzeit Vollzeit in einer Tierklinik in Freiburg. Ihre Freizeit widmet sie den Straßenhunden in Campulung. Sie ist die 1. Vorsitzende des Fördervereins „Freundeskreis der Straßenhunde in Campulung e.V.“ und macht sich dort ehrenamtlich für das Tierwohl in Rumänien stark.

5 Kommentare für “Vereinsvorstellung „Freundeskreis der Straßenhunde in Campulung“ – Interview Teil 2”

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